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Grausame Spielzeit – Rückblick und Bilanz

Die Weichen für den schlechtesten Saisonstart aller Zeiten des HSV stellte unser Vorstand noch während der Saison 2010/2011 als er vorzeitig und ohne Not mit Michael Oenning den laufenden Vertrag verlängerte. Oenning hatte zum Zeitpunkt der Vertragsverlängerung gerade einen Bundesligasieg mit unserem HSV auf der Habenseite zu verbuchen als Jarchow Arnesen überredet hatte mit Oenning in die neue Saison zu starten. Arnesens Wunschtrainer war Solbakken, der noch beim FC Kopenhagen unter Vertrag stand und eine Ablösesumme zwischen 500.000 und 1.000.000 € gekostet hätte. Der Däne war von ihm überzeugt, leistete er beim FC Kopenhagen doch sehr erfolgreiche Arbeit. Wie wir im Nachhinein wissen kam dann alles ganz anders. Schließlich zahlte Köln die fällige Ablöse und Solbakken scheiterte an den schlechten Leistungen seiner Mannschaft und den „Kölner Verhältnissen“. Er war wie so viele neue beim HSV bundesligaunerfahren.

Dies traf auch auf unseren neuen Sportchef zu. Er kam vom FC Chelsea und brachte – nicht zuletzt weil der Verein über klamme Kassen klagte – fünf junge Chelsea Spieler aus dem Reserve – Team mit an die Elbe. Mit Bruma kam das größte hoffnungsvolle Innenverteidigertalent der Niederlande zu uns und weckte Hoffnungen auf eine stabilere Abwehr. Außerdem kam Micheal Mancienne. Ein Innenverteidiger der schon die U 21 EM in Schweden für Großbritannien bestritten hatte. Mit Rajkovic kam schließlich der dritte Innenverteidiger von der Insel und aus der Chelsea Reserve. Vom selben Club brachte Arnesen dann auch noch Jacopo Sala und Gökhan Töre, der in der Jugend für Bayer 04 gespielt hat vom Londoner Stadtteilclub mit. Nur ein Neuzugang kam nicht von der Insel: Per Ciljan Skjelbred kam von Rosenborg Trondheim. Diese samt und sonders bundesligaunerfahrenen Kicker sollten zusammen mit dem Restkader der vergangenen Saison erfolgreichen Fußball in der Bundesliga spielen.

Im Nachhinein sind wir ja bekanntlich alle klüger und manche von uns haben es ja schon immer gewusst, aber dass die folgende Spielzeit 2011/2012 solange Abstiegskampf bedeuten würde und erst am vorletzten Spieltag erfolgreich bestanden sein würde war zumindest für mich nicht vorhersehbar. Klar war mir, dass es eine Saison ohne Anspruch auf die obere Tabellenhälfte werden würde, auch schien es mir möglich, dass es eine gewisse Zeit gegen den Abstieg gehen könnte. Aber, so habe ich zu Beginn der Saison gehofft und geglaubt, dass die Saison 1972/1973 als Blaupause dienen könnte. Damals wurden ja Kaltz und Co ins kalte Bundesliga Wasser geworfen.

Es kam alles ganz anders und viel schlimmer.

Unser Trainer Michael Oenning durfte sich sechs lange Spiele mit dem neuen und deutlich verjüngten und unerfahreneren Kader ausprobieren bis der Vorstand die Notbremse zog und Oenning zu recht entließ. Die Bilanz nach diesen sechs Spielen liest sich noch immer mit Schrecken: Tabellenplatz 18, 6 : 17 Tore und einen einzigen Zähler. Von vielen wurde die Vertragsverlängerung mit Oenning schon vor Saisonbeginn kritisiert und in der Tat die Ergebnisse, die er in der abgelaufenen Bundesligasaison mit dem HSV erzielte waren wirklich kein gutes Argument. Wohl aber für den Vorstand, dass er relativ „preiswert“ war. Im Rückblick stimmt selbst dieses nicht mehr, aufgrund der Abfindung die an ihn und sein Team gezahlt werden musste.

Als Interimstrainer übernahmen Rodolfo Esteban Cardoso (2 Spiele) und Frank Arnesen (ein Spiel). Aus diesen drei Spielen resultierten die Punkte 2 bis 7. Zwei Auswärtssiege in Stuttgart und Freiburg sowie eine Heimniederlage gegen Schalke. Damit war der Anschluss an das untere Mittelfeld wieder hergestellt, aber wir waren immer noch das Schlusslicht. Zu dem dauerte die Trainersuche in dieser brenzligen Situation für viele sehr lange. Zu lange? Als dann noch „Retter“ Huub Stevens eine Absage vom HSV (Arnesen) mit der Begründung bekam, dass er einen Trainer suche, der mit ganzen Herzen zum HSV will und er dieses bei Stevens wegen seiner gleichzeitig stattfindenden Gespräche mit Schalke 04 nicht erkennen könne, regte sich erste Kritik am bundesligaunerfahrenen Sportchef. In diesem Zusammenhang wurde die Kritik auch auf die von ihm verpflichteten Spieler ausgeweitet. Arnesen hielt an seinem Plan fest und suchte nach dem Trainer mit der „Raute im Herzen“.

Es gelang Frank Arnesen mit Thorsten Fink einen ehemaligen Bayern – Profi als neuen Heilsbringer für den HSV zu verpflichten. Arnesen lobte seinen/unseren neuen Trainer als einen Typen mit dem Gewinnergen. Einen, der selbstbewusst seine Ziele erreicht. So stellte sich dann auch Fink dem Hamburger Publikum auf seinen ersten Pressekonferenzen vor: „Ich bin einer wie Jürgen Klopp!“ Dieses Zitat dürfte uns wohl noch in den Ohren klingen. Sein Nachteil, mit dem er die restliche Saison zu recht kommen musste, war der Umstand, dass er auf den Kader keinerlei Einfluss mehr nehmen konnte. Er musste also sein Spielsystem während der Saison dem vorhandenen Spielermaterial anpassen. Zwar war es sein erklärtes Ziel Dominanz von seiner Mannschaft auf dem Platz ausüben zu lassen, aber wie geht das mit der Mannschaft die am wenigstens läuft. Am Ende war vieler Spiele unter seiner Regie hatte der HSV tatsächlich mehr Ballbesitz. Nur wie kam dieser zu Stande. Querpässe, Rückpässe, zum Teil von der Mittellinie zum Torwart. Darauf stellt sich jeder Gegner ein und lauert auf Fehlpässe. Die Konsequenz waren entsprechend defensiv eingestellte Gegner, die ihre Tor gegen uns über Konter und vor allem durch Standardsituationen erzielten. Oft waren diese Standards notwendig gewordenen Fouls geschuldet um entweder Fehler im Aufbauspiel oder aus verlorenen bzw. nicht angenommenen Zweikämpfen resultierten.

Fink, der wie seine Vorgänger Jol, Labbadia, Veh und Oenning auf einen kreativen Mittelfeldstrategen verzichten musste, war nicht in der Lage ein erfolgversprechendes System für das vorhandene Personal zu finden. Auch er konnte mit dem gegebenen Spielermaterial diesen Missstand nicht kompensieren. Ein Rafael van der Vaart war in 74 Bundesligaspielen an 48 Toren beteiligt (29 Tore, 19 Assists) insgesamt absolvierte er 113 Spiele und war an 80 Tore beteiligt (48 Tore, 32 Assists). Das so ein Spieler dem HSV fehlt war nicht erst bei Fink zu merken, aber die Ratlosigkeit der Spieler auf dem Platz nahm meines Erachtens stetig zu. Der Ball wurde ideenlos hin und her gepasst, selten erfolgversprechend in die Offensive gespielt. Ein Manko, dass durch Rincon und in der Rückrunde durch Jarolim eher irgendwie denn spielerisch aufgefangen werden sollte. Das Vorhaben misslang. Rincon ist ein Zerstörer, dem leider keine spielgestalterischen Mittel zur Verfügung stehen und Jarolim spielt eher den Sicherheitspass, was in manchen Situationen und Spielen, speziell wenn man einen Vorsprung über die Zeit bringen will hilfreich ist. Nur wir waren selten genug in der abgelaufenen Saison in Führung gegangen. Nicht nur, aber auch durch die vielen Quer – und Rückpässe an denen sich außer Jaroslav Drobny und Sven Neuhaus alle eingesetzten Spieler beteiligten wurde unser Spiel eben noch langsamer, durchschaubarer und unansehnlicher, als in den Vorjahren.

Hatte ich vor der Saison gehofft, dass die „faulen Früchte“ gleich mit aussortiert worden waren, so entpuppte sich meine Hoffnung während der Saison als unbegründet und als Irrtum. Einigen wurden die Verträge nicht verlängert, andere wurden verkauft und die dritte Partie Spieler wollte ganz einfach nur noch weg. Gewünscht habe ich mir vor einem Jahr, dass der Schnitt noch größer ausfällt. Dann allerdings, muss ich heute wohl eingestehen, wäre ein Abstieg wohl kaum vermeidbar gewesen. So geht das umgestalten des Kaders in diesem Jahr in seine zweite und bestenfalls vorletzte Phase. Mit Petric, dem in dieser Spielzeit fast nichts gelang und Jarolim, der trotz aller ihm anzukreidenden Defizite der beste Feldspieler des HSV war gehen zwei Akteure die in den v ergangenen vier bzw. neun Jahren einiges für den HSV geleistet haben. Allerdings mit einer anderen Spielauffassung der vorherigen Trainer. Fink will ein schnelles und direktes Spiel nach vorne aus einer sicheren Defensive. Das schnelle Spiel von Thorsten Fink beginnt bereits beim Torhüter, der in der modernen Spielweise schon einen wesentlichen Part der Spieleröffnung darstellt. Kann er schnell auf freistehende oder besser sich freilaufende Mitspieler abwerfen oder abschlagen, so entwickelt sich ein völlig anderes Spiel als wir es in dieser Saison von unserem HSV gesehen haben. Der BVB hat uns zweimal gezeigt wie es geht. Leider viel zu viele andere Mitbewerber der Liga auch.

Neben dem viel zu langsamen und umständlichen Spielaufbau war das größte Problem der Mannschaft, dass sie es nicht fertigbrachte mal zwei Spiele nacheinander eine konstante Leistung abzurufen. Spielte die Mannschaft ein ordentliches Spiel so folgte mit absoluter Zuverlässigkeit eine miserable Darbietung. Folgte auf das 1 : 5 daheim gegen den BVB zwar ein Auswärtssieg bei Hertha BSC mit schwacher Leistung so ging man couragiert und bissig in die Partie gegen die Bayern. Es folgte ein unansehnlicher 1 : 0 Sieg in Köln. Nun hätte man ja der Meinung sein können, dass die sieben Punkte aus drei Spielen etwas Selbstbewusstsein für die HSV – Profis bedeuten würden. Es kam anders, es kam die extrem kalte Dusche im Nordderby gegen Bremen: 1 : 3. In Gladbach ein gut herausgespieltes 1 : 1, anschließend 0 : 4 gegen Stuttgart. Für mich stimmt da die Einstellung der Profis nicht ansatzweise. Sie ist auch nicht mit einem oder zwei Spielern zu erklären. In den vergangenen Jahren haben wir des Öfteren erlebt, dass einzelne Spiele mangels Einstellung verloren wurden. In der letzten Saison stimmte die Berufsauffassung bestenfalls in jedem zweiten bis dritten Spiel. Wie auch immer dieses Phänomen letztlich erklärt werden kann, ein solches Verhalten und Auftreten des Kaders kann sich keine Bundesligamannschaft leisten. Es grenzt nicht nur an Arbeitsverweigerung, es ist Arbeitsverweigerung. Ich hoffe, dass alle Beteiligten aus dieser Saison ihre Lehren ziehen bzw. gezogen haben. Wer nicht mitziehen will gehört ohne Ansehen der Person auf die Tribüne und dort aus verkauft. Ich bin überzeugt davon, dass die Spielzeit 2011/2012 einen besseren Verlauf für uns genommen hätte, hätte die Mannschaft die Bereitschaft zur Leistungserbringung in jedem Spiel gezeigt. Das wäre ihre Pflicht gewesen.

Nun zur Einzelkritik:

Jaroslav Drobny war zu Beginn der Serie nicht gerade eine Bank und etliche Fans wollten Tom Mickel im Tor sehen, aber Drobny arbeitete hart an sich und wurde schließlich ein sicherer Rückhalt für die Mannschaft und hat so manche Kastanie aus dem Feuer geholt. Dennoch: sein Manko ist die schnelle Spieleröffnung und der oft beim Gegner landende Abschlag. Arnesen kann sich ihn gut als Nr. 2 nach dem feststehenden Transfer von Rene Adler zum HSV vorstellen. Verdient hätte er sich ganz sicher, aber für einen tschechischen Nationaltorwart kann dies natürlich keine Perspektive sein. Schaut man auf die Finanzen des HSV, angeblich ja drei rostige Knöpfe, ist ein Reservetorwart mit einem vermuteten Jahressalär von 1,7 Millionen € wohl eine Kleinigkeit zu teuer. Dem Aufsichtsrat jedoch nicht, der hat es ohne Verkauf von Drobny genehmigt. Was lässt dass nun für einen Rückschluss auf die Finanzen zu?

Adler wird das HSV – Spiel sicherlich beschleunigen. Ich habe, da nur die Befürchtung, dass er die Bälle noch schneller zurückbekommt. Warten wir ab, dass betrifft die nächste, die fünfzigste Saison. Die Viererabwehrkette wurde in der ganzen Saison immer wieder verändert. Zum einen weil Verletzungen und Sperren (Rajkovic) dies erforderlich machten zum anderen weil desaströse Leistungen dies notwendig werden ließ. Alle Verteidiger haben ihre Fehler gemacht, einige haben sich damit aus der Mannschaft gespielt. Umso erfreulicher, dass es in der Rückrunde in der Innenverteidigung mit Heiko Westermann und (16 Einsätze) und Michael Mancienne (vom 26. bis einschließlich 33. Spieltag) wenigstens in der Innenverteidigung eine gewisse Konstanz herrschte. Aogo auf der linken defensiven Außenbahn brachte es auf 30 Einsätze während es Dennis Diekmeier auf 24 Einsätze kam. Beiden fehlt ein Back up, dass in der Lage ist den Beiden Druck zu machen. Für Diekmeier könnte dieser Konkurrent in der neuen Saison durchaus Jeffrey Bruma heißen. Dieser ist auf 20 Spiele gekommen und überzeugte Arnesen insbesondere auf der rechten Außenverteidigerposition. Das Bruma nicht wirklich überzeugen konnte lag an seinen zum Teil einfachen Fehlern und schlägt sich in der Nicht-Berücksichtigung für den EM – Kader der Niederlande aus. Wir haben den Vorteil, dass er nach langem Urlaub ausgeruht und unverletzt zum HSV zurückkehren wird. Theoretisch besteht noch die Möglichkeit, dass Chelsea von seinem Rückholrecht Gebrauch macht, allerdings erscheint dies eher unwahrscheinlich. Auch Slobodan Rajkovic kann von den Londonern zurückgekauft werden. Wohl ziemlich sicher nur Theorie.

Über die Saison gesehen waren Thomas Rincon und David Jarolim (Rückrunde) die konstanteste Doppelsechs unseres HSV. Tesche, Kacar und Skjelbred waren über die Saison keine wirklichen Alternativen. Alle drei blieben deutlich hinter den Erwartungen zurück. Tesche versagte regelmäßig wenn er auf dem Platz stand und es ist ein offenes Geheimnis, dass er beim HSV keine Zukunft mehr hat. Gojko Kacar verletzte sich im Auswärtsspiel beim 1. FC Nürnberg schwer und steht somit wohl nicht zum Verkauf. Per Ciljan Skjelbred muss wohl als Irrtum Arnesens abgehakt und schnellst möglich wieder verkauft werden.

Noch zum Saisonbeginn als großer Hoffnungsträger mit einem Neuanfang von Arnesen gepriesen war Eljero Elia am 31.08. 2011 nach vier Einsätzen für 9 Millionen € an Juventus verkauft und wie es damals hieß mit Erfolgszuschlag. Juventus wurde Meister und Elia bei Juve mit vier Kurzeinsätzen ebenfalls missachtet. Nun will er die Serie A verlassen und einen Neubeginn in England oder Spanien starten. Na, dann . . . .  Wie viele Euro streicht der HSV denn für den Meistertitel Juves ein? Real Madrid zahlt auch 2012 wieder eine Prämie für den Titel an den HSV. Rafael macht´s möglich. Drücken wir den Spaniern die Daumen, dass es mit einer Titelverteidigung 2013 klappt, dann nämlich würde der HSV noch mal eine Million einstreichen. Ach, im Übrigen, solche Konditionen handelte der Vorsitzende Hoffmann 2008 aus.

Unsere Außenbahnen waren trotz des Abgangs von Elia noch immer bestens besetzt. Marcell Jansen, Ivo Ilicevic, Jacopo Sala, Gökhan Töre und Zhi Gin Lam sollten die Geschicke des HSV auf den beiden offensiven Außenbahnen zu gefährlichen Waffen des HSV werden lassen. Auf Jansen (5 Tore) und Töre (6 Assists) trifft dies wenn auch mit Abstrichen zu. Marcell absolvierte 29 Spiele in der Liga für den HSV. Ein Bestwert seit dem er bei uns ist. Der Senkrechtstarter der Hinrunde war aber Gökhan Töre. Der Junge wusste mit seinen Dribblings zu gefallen und auch zu überzeugen. Äußerst bedauerlich seine Trainingsverletzung in der Winterpause, nach der er nicht mehr richtig in Tritt kam. Manchmal zu verspielt, aber einer der wenigen der bereit war die Wege zu gehen, die kaum ein anderer als nötig empfand. Nach seiner Verletzung musste Sala ran. Und schon im dritten Spiel erzielte er ein für den HSV wichtiges Tor. Das 1 : 0 gegen Bayern München. Leider blieb es bei dem einen Treffer, aber er konnte mit seiner im Vergleich zu Töre besseren Defensivarbeit bei Trainer Fink punkten. Allerdings gilt auch er hinter vorgehaltener Hand als Streichkandidat für den Kader 2012/2013. Er soll, so „Matz ab“, als schwer integrierbar gelten. Ivo Ilicevic erwischte bei seiner ersten Einwechslung in Freiburg einen Traumeinstand beim HSV und erzielte im Breisgau den Siegtreffer. Das war es dann auch schon. Er spielte sich viel zu oft fest, wirkte phasenweise eigensinnig und war schließlich als Ergänzungsspieler noch gut bedient.

Zhi Gin Lam spielte nur zweimal in der abgelaufenen Saison, galt aber dennoch als zweite Entdeckung neben Töre. Insbesondere bei seinem Einstand unter Interimscoach Cardoso wusste er zu überzeugen. Der Lohn war der Aufstieg zu den Profis mit entsprechendem Vertrag. Hoffen wir, dass er seinen guten Start in der kommenden Saison bestätigen kann. Nach seiner schweren Verletzung aus einem Testspiel während der Saisonvorbereitung schaffte Tolgay Arslan erst in der Wintervorbereitung wieder den Sprung an die Mannschaft heran. Er erzielte in Mönchengladbach den hochverdienten Ausgleich. Aber, ich glaube, es war im darauf folgenden Spiel gegen Stuttgart vergab er beim Stand von 0 : 0 in der Anfangsphase eine 1000 %ige Chance zum 1 : 0. Danach tauchte er nicht nur in diesem Spiel ab. Er hat zweifelsohne das Potential ein guter Bundesligaspieler zu werden, dafür muss er noch kräftig an sich arbeiten. Wie Marcell Jansen hat auch er noch ein Jahr Vertrag. Beiden hat Arnesen gesagt: verlängern oder jetzt verkaufen. Von beiden kommen Signale, dass sie gewillt sind vorzeitig zu verlängern.

Das größte aller Sorgenkinder ist der Angriff. Keiner der vier nominellen Stürmer konnte ganzjährig überzeugen. Mladen Petric schaffte gerade einmal 7 Tore, von denen auch drei Elfmeter waren. Leider neigte Petric dazu sich im Verhältnis z. B. zu Heung Min Son wenig zu bewegen. Da er aber lange Zeit gesetzt war, dies gleichbedeutend mit Bewegungsarmut im Sturm. So war beständig zugestellt von den gegnerischen Verteidigern und keine wirkliche Hilfe beim Unterfangen Torgefährlichkeit auszustrahlen. Er war einer der effektivsten Stürmer des HSV in den letzten Jahren, jedoch konnte er dies in der abgelaufenen Spielzeit nicht mehr unter Beweis stellen. Folgerichtig wurde sein Vertrag nicht verlängert. Paulo Guerrero gilt als der vielleicht beste Fußballer in den Reihen des HSV. Ganz sicher ist er leider der unberechenbarste. Von ihm bleiben in dieser Saison ganze sechs Tore und ein höchst überflüssiges Frustfoul in Erinnerung. Arnesen sagt zwar, dass Guerrero nicht verkäuflich sei, aber bei einem entsprechenden Angebot sei man bereit über jeden Spieler zu reden. Markus Berg erst Verletzungspech dann die Fortsetzung dessen wie wir ihn schon kennen. Ein Torjäger mit einem Tor. Kein Wunder also, dass wir insgesamt nur 35 Tore erzielt haben. Nun will ich dieses miserable Ergebnis wahrlich nicht an einem einzigen Stürmer festmachen – alle haben zu wenig Tore erzielt – aber sein Fall ist symptomatisch. Natürlich haben die Stürmer über die Saison gesehen wenig Vorlagen erhalten, aber wenn der Ball schon nicht zu einem kommt, muss sich ihn eben holen. Dieses geschah viel zu selten. Heung Min Son ist wie in der Saison 2010/2011 wieder als Testspieltorschützenkönig in die Saison gestartet und es hatte fast den Anschein als könne er es diesmal in der Liga fortführen. Doch ihn ereilte bald ein sehr lang anhaltendes Formtief aus dem er erst gegen Ende der Saison heraus kam. Durch aus nichts seltenes bei einem so jungen Spieler. Son ist für mich der Spieler, der die entscheidenden Tore zum Klassenerhalt beisteuerte. Zu Hause gegen Hannover 96 stellte er mit seinem Tor zum 1 : 0 den Endstand her und sicherte so drei ganz wichtige Punkte im Endspurt und in Nürnberg sorgte mit seinem Tor für einen weiteren wichtigen Punkt. Endstand 1 : 1.

Was aus Berg und Guerrero wird ist derzeit noch völlig offen. Fest steht seit heute, dass Artjoms Rudnevs bei uns unterschrieben hat. Er gilt als laufstarker Stürmer. Seine ehemaligen Trainer sagen über ihn, dass er sich alles hart erarbeitet hat. Klingt für mich richtig gut.

Romeo Castelen spielte leider auch in dieser Saison keine Rolle und wurde beim letzten Heimspiel verabschiedet. Bei den Profis wurde er noch nicht einmal mehr verabschiedet: Mickael Tavares. Sein Vertrag läuft am 30.06.2012 aus. Ohne Verlängerung.

Bleiben noch die Amateure mit Lizenzspielervertrag. Muhamed Besic hat sich im Laufe der Saison durch wiederholte Undiszipliniertheiten selbst aus dem Kader herausgebracht. Er steht in Verbindung mit Dynamo Dresden. Miroslav Stepanek war in der Vergangenheit mehrmalig schwerverletzt und konnte noch nicht seine Qualitäten im Profikader nachweisen. Ob sein auslaufender Vertrag verlängert wird ist gegenwärtig offen. Janek Sternbergs Vertrag läuft noch ein Jahr. Zukunft offen. Das gleiche gilt für Kevin Ingreso und Daniel Nagy.

Auf eine bessere Jubiläumssaison 2012/2013!

125 Jahre HSV! 50 Jahre Bundesligazugehörigkeit!

Nur der HSV!

Die Hinrunde

Im Grunde begann die Hinrunde mit der Verpflichtung Frank Arnesens als neuem Sportchef bei unserem HSV. Bernd Hoffmann hatte diese Zusammenarbeit eingefädelt – eigentlich Aufgabe des Aufsichtsrates sich um Personalien des Vorstandes zu kümmern – die der selbige dann diesmal ohne voreilige Veröffentlichungen unter Dach und Fach brachte. Artig freute sich auch der neue Vorstand auf die Zusammenarbeit mit dem Neuen. Als Reputation brachte er die Entdeckung einiger späterer Weltstars wie Ronaldo oder Ruud van Nistelrooy mit. Auch hat er als Spieler der Vereine Fremad Amaga, Ajax Amsterdam, FC Valencia, RSC Anderlecht und PSV Eindhoven zwischen 1974 und 1988 einige Erfolge aufzuweisen. In dieser Zeit spielte er 52 Mal für die dänische Nationalmannschaft und schoss dabei 14 Tore. Darüber hinaus war er als Co-Trainer von 1991 – 1994 beim PSV Eindhoven tätig. In Kürze seine weiteren Stationen als Nachwuchskoordinator, Chefanalytiker, Sportdirektor und Manager. Bei Vereinen wie PSV Eindhoven, Tottenham Hotspurs und dem FC Chelsea. Eine Vita die gewiss eine Empfehlung für den HSV ist. 37 Jahre im Profifußball, die dazu führten ihn schon lange vor Amtsantritt zum Heilsbringer, zum Messias werden und erklären zu lassen.

In den Medien und den verschiedensten Foren bekam er die ersten Kratzer an seinem tadellosen Image als er der weiteren Zusammenarbeit mit Michael Oenning zustimmte und nicht seinen Kandidaten Stale Solbakken (jetzt 1. FC Köln) verpflichten konnte. Einerseits hieß es, dass er mit Oenning über die zukünftige HSV – Philosophie völlig übereinstimme und er in Oenning den richtigen Trainer für den HSV sehe und andererseits wurde kolportiert, dass die Verpflichtung an einer Ablösesumme und dem Jawort für den norwegischen Verband gescheitert sei. Oenning jedenfalls machte seit seinem 6 : 2 Einstandserfolg als Cheftrainer keine erfolgreiche Figur mehr und gewann bekanntlich weder in der letzten Rückrunde noch in den ihm verbleibenden Spielen der neuen Saison ein Spiel. Lediglich ein Punkt aus sechs Spielen stand bei seiner Demission zu buche.

Schon vor Beginn der Spielzeit 2011/2012 kamen die ersten negativen Kommentare über die Einkaufspolitik Frank Arnesens auf. Es wurde gemunkelt, dass er wohl nur die „gescheiterten“ Spieler aus der zweiten und dritten Reihe des FC Chelsea kenne. In der Tat kamen mit Bruma (Vertrag 2 Jahre auf Leihbasis mit Rückrufrecht für Chelsea nach einem Jahr), Mancienne, Sala und Töre gleich vier Youngster vom FC Chelsea zum HSV. Auch der fünfte Neuzugang kam von dort. Jedoch spielte er von 2007 bis 2011 jeweils auf Leihbasis für PSV Eindhoven, FC Twente und Vitesse Arnheim in der niederländische Eredevisie. Zugang Nr. 6 war schließlich und endlich der Norweger Per Siljan Skjelbred von Rosenborg Trondheim. Drei ehemalige Leihspieler kamen zum HSV zurück. Bertram spielt für die zweite Mannschaft, Tolgay Arslan wurde als offensiver Mittelfeldspieler nach einer guten Saison bei Alemannia Aachen für die erste zurückgeholt und Markus Berg für den Angriff.

Das Thema des Sommers hieß Umbruch bei unserem HSV. Zuweilen auch mal spöttisch, mal ernst Abbruch genannt. Wen sollten die neuen, jungen und relativ gesehen unerfahrenen Spieler ersetzen? Der HSV gab Spieler wie Ze Roberto, Frank Rost, Piotr Trochowski, Ruud van Nistelrooy, Collin Benjamin, Eljero Elia, Eric Maxim Choupo Moting, Tunay Torun, Änis Ben Hatira, Joris Mathijsen, Alex Silva, Guy Demel, David Rozehnal, Jonathan Pitroipa, Mickael Tavares, Kai Fabian Schulz und Wolfgang Hesl ab. Insgesamt 18 Spieler. Zwar nicht alle aus der ersten Mannschaft, aber der Aderlass war mehr als erheblich und hatte nicht nur finanzielle Gründe. Die Altstars wie van Nistelrooy und Ze Roberto waren nicht nur zu teuer sondern brachten auch nur noch sehr bedingt gute Leistungen. Junge Spieler wie Choupo Moting oder Torun hatten den Durchbruch beim HSV nicht geschafft und ein Trochowski kam über die Rolle des nach der richtigen Position suchenden Dauertalentes und „Dribbelkünstlers“ nicht hinaus.

Zu erwarten, dass der HSV trotzdem um die internationalen Plätze mitspielen würde kam zwar in der Öffentlichkeit vor, war allerdings kaum realistisch. Meine Erwartungshaltung brachte ich am 03.08. in dem Artikel Kaltz, Kargus und Co. zum Ausdruck. Ich schrieb von einer harten Saison, die mit der Saison 19721973 zu vergleichen sein wird. Das sich die Pleiten, Pech und Pannen – Serie von Michael Oenning ungebremst in den ersten sechs Ligaspielen fortsetzen würde war trotz des schwierigen Startprogramms nicht unbedingt zu erwarten. Die Konsequenz aus den teils desaströsen Auftritten wie z. B. in München war den berühmten und noch berüchtigteren Gesetzen der Branche folgend die Entlassung Oennings. Man sollte zwar nicht froh über den Arbeitsplatzverlust eines Menschen sein, aber im Interesse des HSV und seiner bis zu 1.700 Mitarbeiter bei Heimspielen – die im Falle eines Abstiegs mehrheitlich um ihren Arbeitsplatz bangen müssten – war es die richtige und einzig mögliche Maßnahme frühzeitig die Reißleine zu ziehen.

Interimscoach Nr. 1 wurde der HSVer Rodolfo Esteban Cardoso. Um es vorweg zu nehmen: Er machte seinen Job ausgezeichnet. Sein erstes Spiel war ein Auswärtssieg  beim VfB Stuttgart. Mindestens genauso wichtig war, dass er den Spielern von der ersten Trainingseinheit an wieder Freude und Spaß am Fußball vermittelte. Diese waren bei Oenning abhanden gekommen. Ständig richtete sich Oenning nach dem jeweiligen Gegner statt seine Mannschaft stark zu machen ging es um die Stärken des Gegners. Da ein Trainer auch für die Stärken seiner Truppe zuständig und verantwortlich ist, eine schwere Unterlassungssünde. Mit Cardoso wurde ein Wechsel in dieser Hinsicht deutlich. Auf Grund der noch fehlenden Trainerlizenz durfte Rodolfo nur zwei Spiele auf der Bank Platz nehmen. Leider verlor seine Mannschaft als besseres Team mit 1 : 2 gegen Schalke. Sein bisher einmaliges Gastspiel als verantwortlicher Trainer gab am 9. Spieltag Frank Arnesen. Beim SC Freiburg gab es den zweiten (Auswärts-) Sieg der Saison. Seit dem 10. Spieltag ist Thorsten Fink der verantwortliche Cheftrainer.

Und der brachte schon bei seiner Vorstellung deutlich zum Ausdruck mit welch breiter Brust er nach Hamburg gekommen ist und dass er der Trainer ist, der der Mannschaft neues Selbstbewusstsein und –vertrauen wieder einhauchen wird. Er wolle der Mannschaft zeigen, dass sie besser ist als ihr Tabellenplatz und die geringe Punktausbeute. Während der Trainersuche lehnte Arnesen unter anderen den um den HSV verdienten ehemaligen „Retter“ Huub Stevens als Nachfolger Oennings ab. Die Begründung war zumindest für einige nicht einsehbar oder vermittelbar. Er, Arnesen, wolle einen Trainer für den HSV bei dem er das Gefühl habe, dass es zu 100 Prozent passt. Einen der mit seinem Herzen in Hamburg beim HSV ist. Stevens verhandelt in etwa zeitgleichmit Schalke 04. Verständlich und nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass Stevens zu diesem Zeitpunkt arbeitslos war. Für Arnesen kein Grund Stevens abzulehnen. Die Suche zog sich hin und in Öffentlichkeit gab es die ersten Stimmen, die Trainersuche mit der Sportdirektorensuche verglichen. Arnesen suchte nach dem Trainer bei dem es einfach passt. Er wollte keine Kompromisse mehr eingehen. Kompromisse a la Oenning. In Thorsten Fink hat er ihn gefunden. Zwar hat Fink den Baslern von Anfang an gesagt, dass sein Traum ein Verein in der Bundesliga sei, aber der HSV musste ihn aus einem laufenden Vertrag heraus kaufen. Dies bei einem Verein der zwei Mal hintereinander Schweizer Meister geworden war und gerade zu dem Zeitpunkt ein vielbeachtetes 3 : 3 mit dem FC Basel in Manchester bei United errungen hatte. Dies nach einem 3 : 1 Rückstand. So gesehen sprach eigentlich alles für einen Verbleib Finks in Basel. Aber Fink entschied sich schnell für den HSV. Aus verschiedenen Interviews konnte man entnehmen, dass dafür zwei Gründe wesentlich gewesen sind. Zum einen ist der HSV ein Traditionsverein mit einem richtig guten Namen in der Fußballwelt und zum anderen ist er von dem riesigen Potenzial des HSV absolut überzeugt. Bleibt für einige noch der Beigeschmack ihn aus einem laufenden Vertrag heraus gekauft zu haben. But that´s business. Tust du es nicht, tut es ein anderer.

Arnesen startete mit einem Remis im Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg. Dabei war der HSV die bessere Mannschaft. Selbst der „Kicker“ attestierte „über weite Strecken ansehnlichen Fußball“ des HSV. So sollte es noch öfter kommen. Ob in Leverkusen oder Hannover: unterschiedliche Ursachen und Spielverläufe, mit identischen Ergebnis: Remis. Unentschieden in denen Siege nicht nur möglich gewesen wären, sondern auch verdient. Andererseits gab es unter Fink auch die beiden ersten Heimsiege. Endlich und Gott, sei Dank. Trotzdem es wurden auf dem Weg in die kurze Winterpause einige Punkte liegengelassen. Punkte die schon jetzt eine deutlich bessere Platzierung zur Folge gehabt hätten. Der Abstand zu Platz 7 beträgt nur vier Punkte, auf Platz 6 sind es sieben. Die Zielrichtung für den HSV in der Rückrunde ist klar: So schnell wie möglich ins gesicherte Mittelfeld vorstoßen. So lange gilt es den Blick nach hinten zu richten. Angesichts der Schwere der ersten sechs Aufgaben kein einfaches Unterfangen. Als kleine Vorschau: zunächst ein Heimspiel gegen den BVB, dann Hertha in Berlin und haben am 20. Spieltag in der Volksparkarena Bayern München zu gast. Es folgt der 1. FC Köln auswärts, danach das große Nordderby und am 6. Rückrundenspieltag geht es zur Borussia aus Mönchengladbach.

Wie sang Xavier Naidoo schon zur WM 2006: „Dieser Weg wird kein leichter sein. Dieser Weg wird steinig und schwer.“ Trotzdem gibt sich Thorsten Fink weiterhin selbstbewusst. Und ich finde es richtig. Entscheidend ist doch zu gucken was man selbst tun kann um erfolgreich zu sein. Um nichts anderes geht es. Es geht nicht darum: „Um Gottes Willen, bloß nicht absteigen.“ Es geht darum realistische, für diese junge Mannschaft realistische Ziele zu setzen. Laut Fink ist es mindestens Rang 10. In seinen Worten: . . . unter die Top Ten kommen.

Am 03. Januar startet der HSV mit seinem Training und fliegt am 04.01. nach Marbella um sich dort auf die kommende Rückrunde vorzubereiten. Bis zum Rückrundenstart werden noch Testspiele gegen folgende Mannschaften ausgetragen: SC Lokeren (06. Januar), Christoph Daums FC Brügge (08. Januar) und ADO den Haag (10. Januar). Nach der Rückkehr gastiert der HSV bei Arminia Bielefeld (14. Januar).

Diese Testspiele benötigt die Mannschaft ganz sicherlich, denn Trainer Thorsten Fink hat angekündigt einiges, auch im personellen Bereich auszuprobieren. Er habe einige Ideen im Kopf. Andererseits soll die Mannschaft Finks Spielsystem und Selbstverständnis besser kennenlernen und umsetzen. Dazu gehören auch die Automatismen, wie Lauf- und Passwege zu verinnerlichen. Dringend notwendig scheint dies auf jeden Fall zu sein, nicht zuletzt um die Zahl der Missverständnisse während eines Spiels zu verringern und damit auch die Fehlpassquote zu senken.

Zum Schluss noch ein Blick in die nähere Transferzukunft. Fink wiederholte in einem Interview vor der Winterpause, dass es in derselben keine Neuverpflichtungen geben wird. Was die Gerüchteküche nicht wirklich bremst. Siehe auch: HSV – Transfergerüchte Weihnachten 2011. Im Gegenteil. Frank Arnesen befeuert die Gerüchte noch zusätzlich mit der öffentlich gewordenen Bitte, dass sich die Aufsichtsräte auch während der Winterpause bereit halten mögen. Die Aufsichtsräte müssen bei Abschlüssen über 500.000 € ihre Zustimmung geben. Nun warten wir ab und harren der Dinge, die auf uns zukommen. Und ganz sicher kommt vor dem Rückrundenauftakt am 22. Januar 2012 am 15. 01. die Mitgliederversammlung des HSV. Unter anderem mit der Wahl des Vorstandsmitgliedes für Mitgliederfragen. Kandidaten sind der aktuelle Vorstand Oliver Scheel und Christian „Büdi“ Blunck. Auch geht es um richtungweisende Satzungsänderungsanträge, die am 15.01. ab 11.00 diskutiert und beschlossen werden sollen.

Bestandsaufnahme

Wo steht der HSV nach dem letzten Spieltag der 48. Bundesligasaison? Ein Blick auf die Abschlusstabelle genügt um festzustellen, dass die abgelaufene Spielzeit sportlich eine einzige Enttäuschung war. Es gab das ein oder andere Spiel aus dem man ein wenig Hoffnung schöpfen konnte, aber in dieser Saison auch nur dazu um am nächsten Wochenende wieder einen Dämpfer einzustecken. Was fand bzw. findet hinter den Kulissen statt, dass eine so konstant schwankende Leistung abgeliefert werden konnte? In den vorigen Jahren hat unsere Mannschaft wenigstens noch eine zumindest befriedigende bis gute Hinrunde gespielt. Der Leistungsabfall zur ebenfalls nicht optimalen Saison 1009/2010 beträgt zum Ende der Hinrunde immerhin sieben Punkte und im Vergleich zur Saison 2008/2009 sogar neun Punkte. Damit geht Martin Jol wenigstens als Punktsieger aus diesem Vergleich. Wichtiger erscheint mir allerdings der Leistungsabfall unter Veh gegenüber Bruno Labbadia. Veh führte immer wieder die große Zahl verletzter Spieler an während Labbadia sich konstant weigerte diese im Schlussdrittel seiner Hinrunde als Grund für schwächere Vorstellungen anzuführen.

Die Trainer seit Huub Stevens und in eingeschränkten Maß auch schon bei ihm hat die jeweilige Mannschaft in der zweiten Saisonhälfte leistungsmäßig, d. h. ergebnismäßig mehr oder weniger stark abgebaut. Während bei Huub Stevens wohl die frühzeitige Bekanntgabe des Abschieds zum Jahresende eine gewisse Nachlässigkeit bei den Spielern bewirkte, so könnte man den April 2009 mit vier Spielen gegen die von der Weser als psychologischen Knackpunkt und damit als Alibi bewerten. Bei Labbadia war es die Vielzahl von verletzten Spielern, die nicht rechtzeitig wieder an die Bestform geführt werden konnten, was Ricardo Moniz ausbaden musste. Veh würde wohl selbiges für sich in Anspruch nehmen. Und Michael Oenning? Was macht er für sich geltend?

Persönlich, glaube ich nicht an diese Alibis. Sie sind auf das erste Hinhören oder Lesen vielleicht plausibel. Haltbar sind sie meiner Meinung nach nicht. Eine professionelle Mannschaft sollte immer den Anspruch haben gewinnen zu wollen. Hat sie ihn nicht und sei es auch nur ein einziger Spieler, so ist das Verhalten unkollegial gegenüber den Mitspielern und es ist definitiv nicht professionell. Ein großer Teil dieses Kaders war schon seit den Tagen von Huub Stevens dabei und für mich ist es denkbar, dass einige dieser Spieler eine negative Mentalität entwickelt haben. Frei nach dem Motto: gut verdienen wir auch ohne Titel. Dabei sollte die Einstellung sich zumindest um die eigene Darstellung als Sportler drehen. Nur wirkliche Leistungsbereitschaft ist eine gute Empfehlung für die europäischen Großklubs wie ManU, Real, Barca oder Inter. Vereine wie SSC Neapel, FC Sevilla oder Tottenham Hotspurs sind keine Giganten und spielen keinesfalls in einer anderen Klasse als unser HSV. Wenn Spieler vom HSV zu diesen Vereinen wechseln, dann doch nur des besseren Verdienstes wegen. Nicht um diesen Klubs Titel zu erringen, dazu ist die Kluft in Italien, Spanien und England zwischen den absoluten Toppvereinen und denen dahinter sehr größer als der zwischen z. B. Dortmund und Bayern oder Bayer.

Michael Oenning deutete in Interviews die Möglichkeit an, dass die Mannschaft wohl doch sehr viel schwerer von den Niederlagen gegen Ost-Delmenhorst getroffen sei als es allgemein angenommen wurde. So bekommt Hoffmanns Ausspruch: „Dieses Trauma wird immer bleiben.“ (Zitat aus dem Hamburger Abendblatt vom 12.05.2009), eine Dimension, die diesem Zitat und Ausspruch unangemessen wäre. Nämlich, die eines dauerhaften Alibis für zumindest die Spieler, die in diesen denkwürdigen Aprilwochen dabei waren. Allerdings ist schon auffällig, dass der HSV mit einer gewissen Vorliebe in der Vergangenheit entscheidende Spiele, Sekt oder Selters Spiele, verloren hat. Uns allen ist es wenigstens aus dieser frisch beendeten Saison noch bestens geläufig. Alibis hinter denen sich Spieler und bedingt auch Trainer verstecken konnten/können gibt es also zu Hauf.

Aber ist das als Erklärung ausreichend? Reicht es, um zu erklären weshalb die Mannschaft unter Oenning in acht Spielen ganze acht Punkte holt? Nein, natürlich nicht. Als Oenning als Interimscheftrainer anfing wurde er noch von Bernd Hoffmann inthronisiert. Gerade drei Tage danach waren Bernd Hoffmann und Katja Krauss bereits abberufen, nach Haus geschickt. Neuer Vorsitzender wurde Jarchow (kommissarisch) und mit einem Vertrag für zwei Jahre Hilke Vorstandsmitglied Marketing. Auf diese Personalien will ich hier nicht eingehen. Nur insofern als sie sich frühzeitig für Oenning als Cheftrainer für die kommenden zwei Jahre mit Ausstiegsklausel festgelegt hatten und Arnesen (aus welchen Gründen auch immer) sich anschloss. Von außen betrachtet wirkte es so, als ob die Ablöse die für den Wunschtrainers Arnesens Stale Solbakken zu hoch sei und der HSV sie nicht bezahlen kann oder will. Köln soll jetzt laut ARD-Videotext 510.000 € statt der beim HSV kolportierten 250.000 € bezahlen ist dazu bereit obwohl auch die Kölner nicht gerade auf Rosen gebettet sind.

Immer wieder gerate ich bei dem Versuch dieser Bestandsaufnahme auf vermeintliche Nebengleise. Es scheint so, als würden die Verästelungen dieses Gewirrs aus unterschiedlichen Handlungssträngen einen gordischen Knoten bilden.

Um noch mal den Faden bei Hoffmann aufzunehmen. Hoffmann hatte im Januar 2009 eine breite Unterstützung durch die Mitglieder bei der Wahl zum Aufsichtsrat erhalten, dieses Vertrauen erhielten ihm zugewandte Kandidaten nicht. Schlussendlich erhielt der Aufsichtsrat neue Mitglieder und gleichzeitig eine Sperrminorität bei den anstehenden Vertragsverhandlungen bzw. Abstimmungen über die Personen Hoffmann und Krauss. All dies begleitet durch die mit gemeinsamen Tenor agierenden Hamburger Medien. Was da für nicht belegbare Thesen in den öffentlichen Raum gestellt wurden ist sicherlich noch jedem geläufig. Die Folgen sind bekannt, die Auswirkungen bisher in ihrer letzten Konsequenz hingegen nicht. Sicher ist, dass dieses Theater Unruhe in den Verein und ganz sicher auch in die Mannschaft brachte. Was ja auch von einigen Spielern in Interviews bestätigt wurde. Mithin also ein weiteres Alibi für wenigstens einige Spieler.

Die Schlussfolgerung aus den ganzen Alibis könnte dann lauten, dass das Umfeld, die Medien und die Vereinsgremien viel zu großen und zu negativen Einfluss auf die sportliche Entwicklung der Mannschaft gehabt haben. Und in der Folge daraus die Charakterfrage für eine ganze Mannschaft gestellt wurde. Und dies sicherlich in Einzelfällen nicht zu unrecht. In diesen Fällen wäre sie allerdings auch unter optimalen Voraussetzungen ohne die kleinste Störung zu stellen.

Wenn Spieler, die einstmals Hoffnungsträger waren, nach der Saison sagen: „Wir hätten mehr erreichen müssen.“, dann scheint wenigstens die Selbsterkenntnis gewachsen zu sein, dass auch mehr möglich war. Und das war es ganz gewiss.

Udo Lattek hat in zahllosen Doppelpass Sendungen wiederholt und überaus deutlich darauf hingewiesen, dass es sich nicht lohnt Spieler in ein Team zu holen die den Gehaltsrahmen sprengen. Er begründet es damit, dass andere Spieler dann weniger laufen und insgeheim denken: Lass den teuren doch laufen, der kriegt doch vielmehr als ich. Ist zwar kurzsichtig gedacht, aber durchaus realistisch angesichts der stetig wiederkehrenden Söldnervorwürfe. Diese sind ja auch oft genug von Spielern durch ihr Verhalten bestätigt worden. Wenigstens im Nachhinein. Selbstverständlich ist es die Aufgabe des Trainerstabes für die richtige mentale und natürlich auch für die richtige sportlich taktische Einstellung der Mannschaft zu sorgen und hier gab es wohl in den letzten Jahren auch gravierende Defizite. Was aber, wenn der Trainer immer wieder zum Sündenbock gemacht wird? Klar er ist als einzelner leicht austauschbar, aber unterm Strich hat nicht nur ein Trainer des HSV vor der Mannschaft kapituliert. Ist Huub Stevens ausschließlich wegen seiner damals schwer kranken Frau gegangen? Hat sich Martin nicht schon vor Saisonende mit Ajax geeinigt? Hat die Mannschaft Labbadia raus gemobbt? Vehs Wunsch zu gehen war viel zu offensichtlich, als das hier noch mit einem Fragezeichen zu versehen.

Ich glaube, dass hier sehr viele unterschiedliche Faktoren auf allen Ebenen zusammen kommen. Im Vorstand fehlte spätestens nach der Demission Beiersdorfers die sportliche Kompetenz. Wobei ich das absolut nicht als Persilschein (Freifahrtsschein) für den ehemaligen Sportchef verstehe. Er hat zwar ein Scoutingsystem aufgebaut und er hat ein Fußballinternat ausgebaut. Aber beides ist bis heute als ineffektiv zu bewerten. Spieler die es dennoch in den Profibereich geschafft haben, haben dieses nur mit Umwegen (Ausleihe) getan und weil sie an sich glauben. Das dürfte wohl auch einer der Punkte sein die bei der immer noch ausstehenden Vertragsverlängerung von Änis Ben Hatira eine gewichtige Rolle spielt. Zwei Jahre war der HSV ohne die dringend benötigte professionelle Besetzung auf der Position des Sportchefs. Die Verpflichtung desselben entpuppte sich als Belustigung der Fußballnation unter Ausschluss der HSVer. Wohl aber unter Einbeziehung des HSV wenn es darum ging Fehlentwicklungen im sportlichen Bereich zu manifestieren. Zum Beispiel die Verpflichtung älterer Spieler mit einstiger Weltgeltung. So sympathisch uns die Verpflichtung solcher Spieler als Fans auch ist, ist doch die Frage nach der Sinnhaftigkeit zu stellen und zu mindest der künftig schmalere Finanzrahmen des HSV sorgt zumindest für die nächste Saison für eine zwangsweise Einsicht. Weit besser wäre es aus meiner Sicht die Verantwortlichen würden zukünftig aus den Erkenntnissen der abgelaufenen Saison und aus Einsicht in die Selben handeln. Dieses ist umso wichtiger, da die Schar der Konkurrenten in der Liga um die europäischen Startplätze mit Mainz, Nürnberg und Hannover 96 nochmals größer geworden ist. Diese Vereine machen uns außerdem vor wie man mit relativ geringem Finanzaufwand erfolgreich operieren kann.

Speziell bei dem Thema sportliche Kompetenz in den Führungsgremien des HSV sind wir seit Jahr und Tag personell zu dünn und zu schlecht aufgestellt. Ein Nachteil der sich nachhaltig auswirkt. Wir gehen in die zweite Saison ohne europäischen Wettbewerb. Die Folgen: geringer werdendes Interesse der Spieler am HSV, geringere Einnahmen, nicht nur weil Startgelder, TV- und Ticketeinnahmen fehlen sondern auch weil mit Sponsoren vereinbarte Prämien, im Erfolgsfall differenziert, gar nicht erst fällig werden. Und last but not least Business-Seats und VIP-Logen auch in der Bundesliga frei bleiben. Hier entsteht oder ist schon negativer, ein rückläufiger Trend zu erkennen der schnellst möglich gestoppt werden muss. Zwingend. Es sei denn dass wir alle mit einer weiteren sportlichen Talfahrt einverstanden sind. Ich, will sportlichen Erfolg des HSV erleben und dafür nicht zum Handball wechseln.

Klar ist für mich das es viele Veränderungen geben muss. Im Vorstand sind Veränderungen durchgeführt worden. An vielen Stellen zeigt sich schon jetzt, dass die amtierende Vereinsleitung nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Dem obersten Aufsichtsgremium fehlt es zu 100 % an sportlicher Kompetenz. Und selbstverständlich muss der begonnene Veränderungsprozess in der Mannschaft konsequent und ohne Ansehen der Person und/oder etwaiger Verdienste um den HSV fortgeführt werden.

Da ich hier verschiedene Themen nur anreißen konnte wird es während der Sommerpause Vertiefungen geben.

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